3. Juni 2020

Überschuldung – wenn das Geld verschwindet

Wer Schulden hat, ist selbst schuld – ein Vorurteil, das weit verbreitet ist. Dabei geht vergessen, dass oft auch eine ernsthafte Erkrankung oder der Verlust des Arbeitsplatzes der Anfang der Schuldenspirale sein kann. Doch was bedeutet Überschuldung überhaupt, was sind die Folgen und wie funktioniert eine Schuldenberatung? Wir wollten es genauer wissen und haben bei Max Klemenz, dem Co-Geschäftsleiter der Schuldenberatung Kanton Zürich, nachgehakt.


Herr Klemenz, können Sie erklären, was Überschuldung überhaupt bedeutet?
Überschuldet ist man, wenn man seine Schulden mit dem Budgetüberschuss nicht innerhalb von 36 Monaten abzahlen kann. Diese «36-Monats-Regel» leitet sich u.a. aus dem Konsumkreditgesetz ab. Konsumkredite dürfen maximal so hoch sein, dass sie innert 36 Monaten zurückbezahlt werden können.

Verschuldung ist also nicht das gleiche wie Überschuldung. Was ist denn der Unterschied?
Bei einer Verschuldung hat jemand zwar Schulden, kann sie aber mit dem Budgetüberschuss innert 36 Monaten vollständig zurückzahlen.

Wie wird so ein Budget und der dazugehörige Überschuss erstellt?
Bei der Erstellung des Budgets orientiert man sich am betreibungsrechtlichen Existenzminimum und nimmt noch die laufenden Steuern und eine Pauschale für Unvorhergesehenes dazu. Das was übrig bleibt, nennt man Budgetüberschuss.

Ist es heute normaler geworden, Schulden zu machen?
In den letzten Jahrzehnten fand sicher ein Wertewandel statt. Leute mit Schulden werden heute weniger angeprangert und Werbung für Konsumkredite gibt es an jeder Ecke.

Leute mit Schulden werden heute weniger angeprangert

Max Klemenz, Sozialarbeiter FH

Ist es denn überhaupt schlimm, überschuldet zu sein?
Ja, die Konsequenzen können gravierend sein. Zudem wird alles teurer, da zusätzlich Zinsen, Mahnspesen und Betreibungskosten bezahlt werden müssen.

Was sind die Folgen einer Überschuldung?
Schulden bedeuten permanenten Stress. Das kann zu gesundheitlichen Problemen führen – oft beginnt es mit Schlafstörungen.
Bei Betreibungen wird es zudem schwieriger, eine neue Wohnung oder eine neue Stelle zu finden. Je nach Branche kann man sogar die Stelle verlieren.

Schulden bedeuten permanenten Stress

Max Klemenz, Sozialarbeiter FH

Kommen heute auch vermehrt junge Leute zu Ihnen in die Schuldenberatung?
Bei uns stellen wir diese Tendenz nicht fest. Das heisst aber nicht, dass es diese Tendenz der zunehmenden Verschuldung bei jungen Leuten nicht gibt.

Ist Ihre Beratung kostenlos?
In der Regel ist die Beratung für die Ratsuchenden kostenlos. Falls Kosten entstehen, sind diese dem Budget angepasst und wir informieren rechtzeitig darüber.

Sind die Gespräche vertraulich?
Ja, selbstverständlich.

Max Klemenz, Co-Geschäftsleiter der Schuldenberatung Kanton Zürich.

Wenn ich bei Ihnen anrufe, was erwartet mich dann?
Am Telefon besprechen wir, ob eine persönliche Beratung gewünscht wird und sinnvoll ist, oder ob wir die Fragen telefonisch klären können. Falls eine persönliche Beratung bevorzugt wird, machen wir am Telefon ein kurzes Aufnahmegespräch. Das dauert etwa 15 Minuten.
Im persönlichen Gespräch erstellen wir in jedem Fall zuerst ein Budget um herauszufinden, welchen Betrag man monatlich für die Schuldentilgung einsetzen kann.
Dabei überprüfen wir, ob es noch Sparmöglichkeiten gibt, und ob alle Ansprüche ausgeschöpft sind, z.B. ein Anspruch auf Prämienverbilligung. Bei den Schulden überprüfen wir zudem alle Forderungen auf die Rechtmässigkeit.
Dann erstellen wir eine Schuldenliste. Aus Schuldenhöhe und Budgetüberschuss kann man ausrechnen, wie lange die Schuldentilgung ungefähr dauern wird. Je nach Resultat besprechen wir die möglichen Lösungswege.

Gibt es ein Allzweckmittel bei Schulden? Oder gehen Sie in jedem Fall etwas anders vor?
Wir müssen dem Einzelfall gerecht werden, d.h. wir können nicht nur die Zahlen berücksichtigen, sondern auch die Persönlichkeit des Schuldners, sowie die Stabilität seines beruflichen, sozialen und persönlichen Umfelds. Wir versuchen, nachhaltige Lösungsvorschläge zu finden, wo dies möglich ist.

Wir versuchen, nachhaltige Lösungsvorschläge zu finden.

Max Klemenz, Sozialarbeiter FH

Wie kann ich künftig besser mit meinem Geld umgehen?
Versuchen Sie, Spontankäufe zu vermeiden. Wenn Sie einkaufen gehen, machen Sie eine Einkaufsliste. Fragen Sie sich bei jedem Einkauf und jeder Bestellung: Brauche ich das wirklich?

Können Sie mir ein paar Tipps geben, wie man Schulden vermeiden kann?
Die Art der Bezahlung hat einen wichtigen Einfluss: Für laufende Kosten wie Miete und Steuern empfehle ich einen Dauerauftrag und für die Krankenkasse, Strom, Telekommunikation usw. ein Lastschriftverfahren. Ausserdem sollte man Reserven bilden für Unvorhergesehenes, denn solches kommt früher oder später ganz sicher.
Zudem empfehle ich, Einkäufe bar zu bezahlen und nicht mit Karte. Es ist erwiesen, dass bei Verwendung der Karte mehr Geld ausgegeben wird.
Vor wichtigen Einkäufen «nochmals darüber schlafen» ist ebenfalls eine gute Strategie.
Und ganz wichtig: Hände weg von Konsumkrediten. Damit verschärfen sich nicht selten die Probleme.


Möchtet ihr bei Schulden Hilfe in Anspruch nehmen, achtet unbedingt darauf, zu einer seriösen Beratungsstelle zu gehen. Die erkennt ihr daran, dass eine Erstberatung kostenlos ist und ihr nicht an eine andere Stelle weitervermittelt werdet. Auf schulden.ch findet ihr die Kontaktdaten von seriösen Beratungsstellen.
Übrigens: Muss es schnell gehen, könnt ihr in der Moneythek eine kostenlose Erstberatung in Anspruch nehmen. Sie findet jeden Dienstag von 16.30 bis 18.50 Uhr in der Pestalozzi-Bibliothek Altstadt in Zürich statt.

Elena Wetli

Pflanzen, gutes Essen und Japan lassen Elenas Herz höher schlagen. Sie interessiert sich aber auch für Nachhaltigkeit und liebt es, Budgets zu erstellen. Elena ist die Newsroom-Praktikantin bei Comparis.

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