3. Juni 2020

Wenn der Winterblues nicht vorübergeht

Das Januarloch kann auch ein Stimmungstief in den Wintermonaten ausdrücken. Das fehlende Sonnenlicht ist oft nicht der einzige Grund für eine unzufriedene Grundstimmung. Auch eine depressive Störung kann die Ursache sein. PD Dr. med. Gregor Berger erklärt im Interview, was eine depressive Störung ist und wie man damit umgehen soll – als betroffene Person und als Angehörige.

Gregor Berger, Sie sind Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und arbeiten im Notfall der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Wir haben als Fokus das Januarloch, was umgangssprachlich auch ein Stimmungstief in den kalten Monaten beschreibt. Bemerken Sie dieses Stimmungstief? 

«Ja, auch wir bemerken, dass es in den Wintermonaten mehr psychische Krisen gibt. Pro Jahr haben wir über 1800 Anrufe. Während uns in den Sommerferien wenige Telefonate pro Tag erreichen, kommt es während der Schulzeit und vor allem zwischen Dezember bis Februar zu einer deutlichen Anhäufung. Für Jugendliche ist diese Zeit besonders stressig, denn dann ist das Ende von der Probezeit in der Lehre oder im Gymnasium. Dazu kommt das schlechte Wetter, wenig Sonnenlicht und man bewegt sich weniger.»

Nennt sich das denn Winterdepression? 

«In der Fachwelt wird die Winterdepression als eine saisonale affektive Störung bezeichnet. Diese Störung tritt jedes Jahr etwa zur selben Zeit auf, bei den Meisten in den Wintermonaten. Die Betroffenen haben ausserhalb dieser Zeit keine psychischen Probleme. Viele dieser Menschen wenden sich an den Hausarzt, der bei ausreichender Erfahrung selber die Therapie in die Wege leitet oder Betroffene an Fachärzte oder Psychologen weiterleitet.»

«Bei Jugendlichen tendieren die Personen und das Umfeld immer zuerst dazu, die Pubertät oder Stress für die Probleme verantwortlich zu machen. Denn in der Jugend passiert so viel: Lebensbereiche ändern sich, man startet eine Lehre, geht ins Gymi, löst sich von zu Hause ab, muss eine Balance finden, zwischen Arbeit, Schule und Freizeit, muss den Umgang mit den sozialen Medien und Drogen wie Alkohol oder Cannabis lernen und macht die ersten Erfahrungen mit romantischen Beziehungen. Das kann überfordern.»

Wieso ist das so? Was genau überfordert?

«In drei von vier Fällen einer saisonal-affektiven Störung, liegt eine wiederkehrende depressive Störung zugrunde. Die Ursachen für depressive Erkrankungen sind komplex. Eine wichtige Rolle spielen Faktoren, wie eine familiäre Vorbelastung, Ereignisse aus der Kindheit und eine reduzierte Fähigkeit mit psychischer Belastung umzugehen. In unserer Gesellschaft haben wir einen zunehmenden Leistungsdruck. Es wird mehr erwartet, der Lebensstil hat sich verändert. Alles ist stressiger. Besonders die Jugendlichen scheinen unter den vielen Belastungsfaktoren zu leiden, da es in dieser Altersgruppe besonders in der letzten Dekade zu einer deutlichen Zunahme depressiver Symptome und Erkrankungen gekommen ist. 80 Prozent aller psychischer Erkrankungen zeigen sich vor 25. Die Wiederholungswahrscheinlichkeit nach einer ersten depressiven Episode liegt bei etwa 50 Prozent und das Rückfallrisiko steigt mit weiteren Episoden. Da ein möglicher Verlauf einer depressiven Erkrankung der Suizid ist und die Lebensqualität dieser Menschen enorm unter dieser Störung leidet, empfiehlt sich, frühzeitig Hilfe bei einem Experten zu holen.»

In unserer Gesellschaft haben wir einen zunehmenden Leistungsdruck. Es wird mehr erwartet, der Lebensstil hat sich verändert. Alles ist stressiger.

PD Dr. med. Gregor Berger

Welche Anzeichen gibt es dann für eine Depression oder eine depressive Störung?

«Die häufigsten Symptome sind die ausgeprägte und überdauernde Freudlosigkeit, wiederkehrende Trauer, Antriebsmangel, Tagesmüdigkeit und Ein- und Durchschlafstörungen, manchmal auch morgendliches Früherwachen, mangelnder oder besonders viel Appetit – da gibt es beide Extreme, negative Gedanken und Grübeln, Konzentrationsschwierigkeiten und dann auch selbstverletzendes Verhalten und Suizidgedanken. Pubertierende reagieren häufig impulsiver, sind gereizter, aggressiv, ziehen sich sozial zurück und wenn man sie befragt, bejahen sie natürlich auch die Freudlosigkeit.»

Also die Jugendlichen sind gestresst wegen dem Leistungsdruck. Aber Stress, weniger Sport und weniger Rausgehen trifft ja auch auf viele Erwachsene zu. Wieso ist es bei Jugendlichen stärker ausgeprägt? 

«Das hat ebenfalls mit dem Lebensstil zu tun. Mit dem Einsetzen der Pubertät verändern viele Jugendliche ihre Gewohnheiten, hören auf mit Sport, ziehen sich zurück, liegen tagsüber stundenlang im Bett, schauen Serien oder sind am Handy. Und sind auf Instagram und erleben dieses falsche Leben, statt das echte. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten zeigen, dass besonders der abendliche Medienkonsum mit einem schlechteren Schlaf in der Nacht verbunden ist. Und der schlechtere Schlaf verstärkt den ganzen Effekt des Stimmungstiefes, die nicht selten zu einem Leistungsknick beitragen. Häufig beginnt so ein Teufelskreis aus dem die Jugendlichen mit einer depressiven Veranlagung kaum mehr ohne professionelle Hilfe rauskommen.»

Gerade bei Jugendlichen gibt es doch viele Erwachsene, die dann relativieren und sagen: «Das ist nur eine Phase, das liegt am Wetter, leg das Handy weg, geh mal ein bisschen mehr raus, dann ist wieder ok.» Stimmt das? Wie unterscheidet man die Phase von der Krankheit?

«Der Mensch tendiert dazu zu Normalisieren. Das ist grundsätzlich nicht schlecht. So traut man sich darüber zu sprechen. Aber wenn das alltägliche Leben beeinflusst wird und man nicht mehr in die Schule gehen kann, nicht mehr konzentriert arbeitet und die zwischenmenschlichen Kontakte abbricht, dann muss man etwas unternehmen. Man darf nie vergessen: Depression ist eine Krankheit, die dauerhaft werden kann, und muss deshalb behandelt werden. Hat man einen schlechten Tag, ist das okay. Aber wenn es zwei Wochen lang, mehrheitlich schlechte Tage sind und das alltägliche Leben nicht mehr möglich ist, , dann sollte man Hilfe annehmen. Man muss nicht gleich zum Psychiater oder Psychologen, man kann zum Hausarzt gehen. Dieser macht dann medizinische Abklärungen und macht gegebenenfalls eine Überweisung. Es ist wichtig, dass man sich früh Hilfe holt. Man sollte nicht Monate warten und hoffen, dass es vorüber geht. Es gibt zunehmend Hinweise, dass sich das Gehirn während einer depressiven Phase verändert und die Daten sprechen dafür, dass eine frühzeitige Intervention, sei diese psychologisch oder medikamentös, den Verlauf positiv beeinflusst.»

Es ist wichtig, dass man sich früh Hilfe holt. Man sollte nicht Monate warten und hoffen, dass es vorüber geht.

PD Dr. med. Gregor Berger

Was kann ich, ohne therapeutische Hilfe, tun, wenn ich merke, dass ich eine Freudlosigkeit bekomme und eine Depression entwickle?

«Bei der depressiven Erkrankung ist es wichtig, seinen Lebensstil aktiv zu verändern. Bei Jugendlichen kann es helfen, wenn alle elektronischen Medien mal über Nacht nicht im Zimmer sind. In der letzten Stunde vor dem Schlafen gehen auf das Handy verzichten, alte Hobbys wieder aufnehmen und mindestens drei mal pro Woche eine Stunde Sport machen. Und natürlich soll man sich mit Menschen umgeben, die gut tun und eine gesunde Entwicklung fördern. Drogen, wie Cannabis, beeinflussen den Verlauf von depressiven Störungen, in einem Ausmass, dass die Suizidrate bei Jugendlichen mit Depressionen nach Konsum höher ist, als bei denjenigen, die in ihrer Jugend nicht konsumierten.»

«Bei einer saisonalen-affektiven Depression kann eine Lichttherapie schon hilfreich sein. Einfach eine halbe Stunde pro Tag vor eine Lampe mit 10’000 Lux sitzen – die übrigens bei fachärztlicher Verschreibung von den Krankenkassen gezahlt wird. Und dann, falls die depressiven Symptome trotz Lebensstiländerung nicht weggehen, sollte man sich Hilfe bei einem Psychiater oder Psychologen holen.»

Wenn man sich dafür entscheidet, professionelle Hilfe zu beanspruchen, wie sieht eine solche Behandlung aus? 

«Grundsätzlich ist die Behandlung einerseits psychologisch, aber der Lebensstil muss sich auch ändern. Wenn man bei uns im Notfall anruft, gibt es zwei Möglichkeiten: Wenn keine akute Gefährdung besteht, macht es Sinn, sich an seinen Hausarzt zu wenden, der eine reguläre Anmeldung bei einem psychiatrischen Dienst oder niedergelassenen Psychiater in die Wege leiten kann. Dort kann eine vertiefte Abklärung durchgeführt werden und die notwendigen Therapien besprochen werden. Dieser Weg ist richtig, wenn eine intensive Behandlung ein oder zwei Monate warten kann. Wenn der Leidensdruck grösser ist, besonders wenn es Hinweise gibt zur Gefährdung von sich selbst oder von anderen, sollte unbedingt der Notfall kontaktiert werden und das weitere Vorgehen mit einer Fachperson besprochen werden.. Wir versuchen am Telefon schon die Dringlichkeit zu klären und bereiten die nächsten Schritte vor. In besonders schweren Fällen, wenn die Symptome auch noch nach ein bis zwei Monaten mit psychologischer Therapie unverändert sind oder schlechter werden, wird geprüft, ob man eine medikamentöse Therapie mit einem Antidepressiva einleiten soll.» 

Wie kann man helfen, wenn man vermutet, dass jemand eine depressive Störung oder eine Depression hat? 

«Wichtig ist in jedem Fall: Das Gespräch suchen. Ansprechen und nicht Wegschauen. Mit Ich-Botschaften darauf hinweisen, dass man sich Sorgen macht und sich dabei nicht entmutigen lassen. Ein Jugendlicher denkt er könne alles wegstecken, aber das ist eben nicht so. Auch wenn man als Lehrer in einem Aufsatz etwas Beunruhigendes liest, besser ansprechen. Ein Lehrer macht zwar nicht die Therapie, aber er kann auch Verantwortung übernehmen und mit dem Schüler zum Schulsozialarbeiter oder dem schulpsychologischen Dienst gehen. Das wären auch die ersten Ansprechpersonen, wenn die Ursachen für das Unglück im Elternhaus liegen.»

Was ist liegt Ihnen besonders am Herzen?

«Die Früherkennung von Depression ist wirklich sehr wichtig. Dazu braucht es die Achtsamkeit von den Erwachsenen und natürlich auch, dass man kein Geheimnis draus macht. Man soll darüber sprechen und sich dann allenfalls Hilfe holen.»

Hier hört man dir zu und hilft dir: 

  • Dargebotene Hand: 143, eine anonyme Beratung per Mail oder Chat ist ebenfalls möglich
  • Beratung für Kinder und Jugendliche der Pro Juventute: 147 
  • Notfall Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Zürich: 043 499 26 26

Alexandra Gygax

Als digital Native ist Alexandra ein grosser Internet- und Katzenfan. Sie interessiert sich für die aktuellen Trends, on- und offline. Alexandra ist Content und Community Managerin bei Comparis.

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